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Im Roman "Schweigenberg" geht es auch um einen Schlachthof...

 

Die Schlachthöfe von Tönnies sind zu einem Hotspot für Covid19 geworden. Katrin Seglitz hat im "Schweigenberg" unter anderem die unhaltbaren Verhältnisse in einem Schlachthof von Kröntein beschrieben, in dem sich unschwer der Schlachthof von Tönnies in Weißenfels erkennen lässt.


Hier eine Passage aus dem Buch:


Vor zwei Tagen ist sie aufgebrochen, arglos wie Rotkäppchen. Seitdem sie mit Monika beim Schlachthof war, weiß sie, wo der Wolf lebt und wie er aussieht. Er liegt im Saaletal und stopft Schweine in sich hinein, zwölftausend am Tag. Und wieder ist sie entsetzt. Und wieder trifft es sie unvorbereitet, als ob sie nicht wüsste, wie Tiere in Deutschland gehalten und geschlachtet werden. Ich bin, denkt sie, von einer sich ständig erneuernden Arglosigkeit. Es ist ja ganz schön, wenn man vertrauensvoll auf Menschen und Tiere zugeht, aber auch naiv, von einer unverantwortlichen Naivität.

»Das ist das Schlimme«, hat Monika gesagt, »dass sie im Akkord geschlachtet werden. Alle drei Sekunden ein Schwein. Es ist unmöglich, die Halsschlagader immer sauber zu treffen. Tierschützer wehren sich dagegen, Tiere im Akkord zu schlachten, das ist weder gut für die Tiere noch für die Menschen.«

Die Gämsen in den Schweizer Bergen hatten wenigstens ein angenehmes Leben, denkt Iris, sie sind von Fels zu Fels gesprungen, haben Wasser aus Bergbächen getrunken, die Sonne auf ihrem Fell gespürt und die klare Gebirgsluft eingeatmet. Während die Schweine in Riesenmastanlagen geboren werden und sich weder im Schlamm suhlen noch an einem Baum kratzen können. Sie haben weder ein gutes Leben noch einen guten Tod, kein Enzian im Maul, kein letzter Biss.

Kurz ist Iris in Versuchung, alles, was schlimm ist, auf Gott zu schieben und mit Gott zu hadern. Kurz ist sie in Versuchung zu sagen: »Du, der du das Ohr gepflanzt hast, hörst du nicht das Schreien der Schweine? Du, der du das Auge gemacht hast, siehst du nicht, was mit den Schweinen geschieht?«

Sie wünscht sich Donner und Blitz auf Riesenmastanlagen und Schlachthof und weiß doch, dass sie eine derjenigen ist, in die Gott Ohren und Augen gepflanzt hat, und dass es ihre Aufgabe ist zu handeln. Sie kann ihre Verantwortung nicht auf andere abwälzen, sie kann nicht so tun, als würde sie schlecht hören und als wäre sie kurzsichtig. Und selbst wenn sie es wäre, es gibt Brillen und Hörgeräte.

(...)

 


 

Der Roman "Schweigenberg" von Katrin Seglitz ist im September 2019 erschienen

 

„Die Trauben fühlen sich wohl in ihrer Haut. Sie werden täglich runder, praller, saftiger. Der August macht wett, was das Frühjahr vermasselt hat. Der Winter war lang, der Juni verregnet, aber der August ist traumhaft.“ 

Arne Schütz ist Böttcher und hat einen Weinberg an der Unstrut. Als er in den Wald geht, um Holz zu holen für seine Fässer, trifft er Lutz Winter, den Mann, der ihn wegen versuchter Republikflucht zu drei Jahren Gefängnis verurteilt hat. Plötzlich weiß Arne, was er will. Er will, dass Winter eine Ahnung davon bekommt, wie es ist, im Gefängnis zu sein. 

„Du verstehst die Lage eines Menschen doch erst dann, wenn du dich in derselben Lage befindest. Alles andere ist Theorie. Man kann sich vieles vorstellen, es bleibt ein Hirngespinst, fünf Minuten mitgefühlt, hineingedacht, aber das war’s dann auch schon. Es ist ein Unterschied, ob du dir etwas vorstellst oder ob du am eigenen Leib erfährst, wie es ist, im Gefängnis zu sein.“

Drei Personen stehen im Mittelpunkt des Romans: Nora Hard, 88 Jahre alt, bis zur Wende Schuhmacherin in Sahlen, ihre Enkelin Iris Perswall, die im Süden Deutschlands lebt und Nora besucht, und Arne Schütz, der einen Weinberg im Schweigenberg hat. Die Wege dieser drei Menschen verflechten sich. Es geht um Wein und um Schuhe, um den Weinbau und die Schuhindustrie, aber auch um den Schlachthof von Kröntein.

Arne Schütz arbeitet sich an den Ungerechtigkeiten des Sozialismus ab, verkörpert in dem ehemaligen Richter Lutz Winter, Iris Perswall am Expansionsdrang von Kröntein, Besitzer des Schlachthofs, und Nora Hard stickt einen weiteren Schuh auf eine Decke. Sie hat in der Schuhindustrie von Sahlen gearbeitet und ist nach der Wende arbeitslos geworden.

Was ist besser? Sozialismus oder Kapitalismus? Und wie sozial gerecht ist die Soziale Marktwirtschaft, in der wir leben? Auch darum geht es im Schweigenberg. Es geht um Wege und um Schuhe, um Trauben und Wein, es geht um die Vergangenheit, die noch nicht vergangen ist und um die Frage, wer was erzählt und wovon geschwiegen wird.