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Katrin Seglitz, Schweigenberg, Roman

 

„Die Trauben fühlen sich wohl in ihrer Haut. Sie werden täglich runder, praller, saftiger. Der August macht wett, was das Frühjahr vermasselt hat. Der Winter war lang, der Juni verregnet, aber der August ist traumhaft.“ 

Arne Schütz ist Böttcher und hat einen Weinberg an der Unstrut. Als er in den Wald geht, um Holz zu holen für seine Fässer, trifft er Lutz Winter, den Mann, der ihn wegen versuchter Republikflucht zu drei Jahren Gefängnis verurteilt hat. Plötzlich weiß Arne, was er will. Er will, dass Winter eine Ahnung davon bekommt, wie es ist, im Gefängnis zu sein. 

30 Jahre nach dem Mauerfall sind immer noch nicht alle Rechnungen beglichen. Katrin Seglitz erzählt in „Schweigenberg“ von einem Böttcher, der sich an einem Richter rächt, von einer Schuhmacherin, die nach der Wende arbeitslos wurde, und von ihrer Enkelin, die unbequeme Fragen stellt.

„Du verstehst die Lage eines Menschen doch erst dann, wenn du dich in derselben Lage befindest. Alles andere ist Theorie. Man kann sich vieles vorstellen, es bleibt ein Hirngespinst, fünf Minuten mitgefühlt, hineingedacht, aber das war’s dann auch schon. Es ist ein Unterschied, ob du dir etwas vorstellst oder ob du am eigenen Leib erfährst, wie es ist, im Gefängnis zu sein.“ 

Arne Schütz arbeitet sich an den Ungerechtigkeiten des Sozialismus ab, die sich für ihn in dem ehemaligen Richter und SED-Genossen Lutz Winter verkörpern, Iris Perswall am Expansionsdrang von Kröntein, Besitzer des Schlachthofs in Sahlen, und Nora Hard stickt einen weiteren Schuh auf eine Decke – es geht in „Schweigenberg“ auch um Sahlen, eine Stadt in Sachsen-Anhalt, in der bis zur Wende Schuhe hergestellt wurden. 

Was ist besser? Sozialismus oder Kapitalismus? Und wie sozial gerecht ist die Soziale Marktwirtschaft, in der wir leben? Auch darum geht es imSchweigenberg. Es geht um die Frage, wer was erzählt und wovon geschwiegen wird. 

 

 


 

 

 

 

 


 

 

 

"Meine traurige Heimat war das schönste Land der Welt. Jetzt ist es das Unglücklichste.“ Mit diesem Satz begann Mohamed seine Präsentation über Aleppo in einem B2-Sprachkurs Anfang 2017. Er wurde zum Titel des Erzählprojekts, das Katrin Seglitz initiierte. Das erste Treffen mit den Teilnehmern fand am 1. April 2017 statt. Sie sprachen über Fußball und Kochrezepte, über die Flucht und das syrische Essen, sie sprachen von den Schätzen, die in der syrischen Erde liegen und nach Regenfällen sichtbar werden, darüber, dass die Wände in Syrien Ohren haben.

500 000 Menschen sind tot, die syrischen Städte zerstört, 11 Millionen Syrer obdachlos geworden und auf der Flucht – ein kleiner Teil von ihnen lebt inzwischen in Deutschland. Für Katrin Seglitz hat Syrien ein Gesicht bekommen – die Gesichter der Menschen, mit denen sie sich unterhalten hat. Die Texte, die im Rahmen des Erzählprojekts in Ravensburg entstanden sind, möchte sie einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen, weil sie davon überzeugt ist, dass Verständnis die Bedingung ist für Integration. Ein Gefühl von Zugehörigkeit entsteht, wenn erzählt wird und zugehört, wenn nachgefragt wird und erklärt, wenn ein Austausch stattfindet von Erfahrungen und Erinnerungen.