Logo

 

 

Andreas Kirchgäßner "Die sieben Farben der Nacht"

 

osbert+spenza, 2020

 

Lesend können Sie Andreas Kirchgäßner auf seiner Reise durch den Süden Marokkos begleiten. Vorne im Buch ist eine Karte von Marokko, auf der Sie die Orte finden, von denen im Buch die Rede ist.

Hier einige Auszüge:

Wir fahren eine fast schnurgerade Strecke, breit ausgebaut, neu asphaltiert. Gelber Ginster fliegt an uns vorbei. Das Soustal wird immer grüner und in der Ferne recken sich die Gipfel des Hohen Atlas schneebedeckt in den Himmel. Und dann ist da dieser Geruch. Erst langsam kommen meine Sinne so zur Ruhe, dass ich ihn wahrnehme. Den Geruch von Trockenheit und Staub und leichter Würze. Als hätten die Dornbüsche am Rand, der wilde Oleander, die Akazien, Arganien und der Feigenkaktus, als hätten die Ziegen und die traurigen Esel die Luft ausgeatmet, bevor ich sie einatme.

(...)

„As salâmu alêkum ...“, sage ich.
„Enttîna kä-t eraf ed-dârija l-maghrîbiya!“
Ich verstehe kein Wort.

„War das schon alles, was du Arabisch kannst?“
Ich nicke beschämt: Leider!
„Nicht schlimm. Wir Marokkaner können alle Sprachen. Wir können noch mehr! Schau in meinen Laden. Probier das. Bringt deine Haare zurück!“

Er zeigt auf meine Glatze.
„Soll ich es trinken oder mir auf den Kopf schütten?“
„Für deinen Kopf ist alles zu spät! Das Mittel macht dich unten stark! Und deine Frauen glücklich!“ Er bricht in ein ansteckendes, glucksendes Gelächter aus. Ich lache mit. Die Glückshaltigkeit des Augenblicks ist flüchtig wie ein Lichtschimmer.

(...)

Eine Gebirgskette erhebt sich wie ein Faltenwurf. Das Licht taucht die Landschaft in sanfte Ockertöne. Aber der Schatten ist wie der Spiegel der Berge im Totenreich. Das ist er, der flüchtige Anblick, für den ich hier bin. Ich weiß, so wird es jetzt hunderte, ja, weit über tausend Kilometer nach Süden weitergehen, in diesem Rausch, Tafelberge, Gesteinsformationen, Sand.

Jeder von uns trägt eine Landschaft in sich. Meistens kennen wir sie nicht, diese innere Landschaft, aber sie ist da. Sehen wir draußen dann eine Landschaft, die unsere innere widerspiegelt, können wir plötzlich auch die Landschaft in uns sehen. Die Landschaft, durch die ich fahre, ist mir vertraut, als wäre ich darin aufgewachsen.

 

 

 

 


 

 

 

Katrin Seglitz "Schweigenberg", Roman

 

osbert+spenza, 2019

 

 

 

 

„Die Trauben fühlen sich wohl in ihrer Haut. Sie werden täglich runder, praller, saftiger. Der August macht wett, was das Frühjahr vermasselt hat. Der Winter war lang, der Juni verregnet, aber der August ist traumhaft.“ 

Arne Schütz ist Böttcher und hat einen Weinberg an der Unstrut. Als er in den Wald geht, um Holz zu holen für seine Fässer, trifft er Lutz Winter, den Mann, der ihn wegen versuchter Republikflucht zu drei Jahren Gefängnis verurteilt hat. Plötzlich weiß Arne, was er will. Er will, dass Winter eine Ahnung davon bekommt, wie es ist, im Gefängnis zu sein. 

30 Jahre nach dem Mauerfall sind immer noch nicht alle Rechnungen beglichen. Katrin Seglitz erzählt in „Schweigenberg“ von einem Böttcher, der sich an einem Richter rächt, von einer Schuhmacherin, die nach der Wende arbeitslos wurde, und von ihrer Enkelin, die unbequeme Fragen stellt.

 


 

Meine traurige Heimat war das schönste Land der Welt. Jetzt ist es das Unglücklichste. Geflüchtete erzählen von Syrien, aufgezeichnet von Katrin Seglitz

 

osbert+spenza, 2018

 

 

 

 

 

 

"Meine traurige Heimat war das schönste Land der Welt. Jetzt ist es das Unglücklichste.“ Mit diesem Satz begann Mohamed seine Präsentation über Aleppo in einem B2-Sprachkurs Anfang 2017. Er wurde zum Titel des Erzählprojekts, das Katrin Seglitz initiierte. Das erste Treffen mit den Teilnehmern fand am 1. April 2017 statt. Sie sprachen über Fußball und Kochrezepte, über die Flucht und das syrische Essen, sie sprachen von den Schätzen, die in der syrischen Erde liegen und nach Regenfällen sichtbar werden, darüber, dass die Wände in Syrien Ohren haben.

500 000 Menschen sind tot, die syrischen Städte zerstört, 11 Millionen Syrer obdachlos geworden und auf der Flucht – ein kleiner Teil von ihnen lebt inzwischen in Deutschland. Für Katrin Seglitz hat Syrien ein Gesicht bekommen – die Gesichter der Menschen, mit denen sie sich unterhalten hat. Die Texte, die im Rahmen des Erzählprojekts in Ravensburg entstanden sind, möchte sie einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen, weil sie davon überzeugt ist, dass Verständnis die Bedingung ist für Integration. Ein Gefühl von Zugehörigkeit entsteht, wenn erzählt wird und zugehört, wenn nachgefragt wird und erklärt, wenn ein Austausch stattfindet von Erfahrungen und Erinnerungen.